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Comac: Chinas Angriff auf Boeing und Airbus

Der Bedarf an Flugzeugen in China ist enorm. Bislang dominieren Airbus und Boeing den Markt. Nun will der staatliche Hersteller Comac strategisch in das Geschäft einsteigen. Die Auslieferung der ersten Mittelstrecken-Maschine C919 plant Comac in diesem Jahr. Gemeinsam mit Russland will China auch einen Flieger für die Langstrecke herstellen. 

Die Corona-Krise hat deutliche Spuren in den Auftragsbüchern der  beiden weltgrößten Flugzeugbauer hinterlassen. Airbus lieferte wegen der Pandemie im vergangenen Jahr 566 Flugzeuge aus. Das sind 34 Prozent weniger als noch 2019. Beim US-Konkurrenten Boeing, der neben der Corona-Krise weiterhin mit dem Image-Schaden durch die Absturz-Serie seiner 737-Max-Reihe zu kämpfen hat, brachen die Auslieferungen sogar um mehr als die Hälfte auf 157 Flugzeuge ein.

Der chinesische Flugzeughersteller Comac lässt sich von diesem deprimierenden Marktumfeld nicht aus der Ruhe bringen. Wie der Konzern kürzlich ankündigte, soll wie geplant noch in diesem Jahr mit der Auslieferung des ersten chinesischen Mittelstreckenfliegers C919 begonnen werden.

Für die Luftfahrtindustrie der Volksrepublik wäre das ein großer Schritt. China kann Raumschiffe ins All schießen, ist Marktführer bei Elektroautos und hat das Land in Rekordzeit mit einem dichten Netz von Hochgeschwindigkeitszügen überzogen. Nur beim Bau von Passagierflugzeugen tat sich das nach technischem Fortschritt lechzende Land bislang schwer. 

Doch auch das ändert sich. Nachdem Comac bereits den kleinen Regionaljet ARJ-21 im Angebot hat, folgt mit der C919 die erste größere Passagiermaschine aus China. Der Flieger soll mit 168 Sitzen und einer Reichweite von 4075 Kilometern mit Boeings 737 und dem Airbus A320 konkurrieren, zwei der meistverkauften Flugzeuge der Welt. 

Bis Comac wirklich auf Augenhöhe mit den Wettbewerbern fliegen kann, ist es nach Ansicht der meisten Luftfahrtexperten noch ein weiter Weg. Denn technisch ist die C919 noch längst nicht auf Augenhöhe mit den neusten Modellen von Airbus und Boeing, die vor allem mit einem geringeren Kerosin-Verbrauch Punkten.

Selbst Chinas Staatsmedien sind zurückhaltend in ihrer Bewertung. In den kommenden Jahrzehnten würden chinesische Flieger zwar sicher zu einer „starken Alternative“ werden, schrieb Chinas staatliche Nachrichtenagentur Xinhua nach dem ersten Testflug der C919 vor drei Jahren. Kurzfristig sei es jedoch „unrealistisch“, dass die Vorherrschaft von Airbus und Boeing gebrochen wird. 

Die Frage ist dennoch weniger, ob es Comac schafft, zu einem dritten großen Anbieter zu werden, sondern wann. 

 

C919 zunächst nur für China

Schließlich ist die C919  Teil des chinesischen Industrieplans zur Entwicklung fortschrittlicher Industrie- und Technologiezweige. Pekings Strategie sieht vor, in vielen Sektoren die Technologielücke zu westlichen Firmen zu schließen und selbst Weltmarktführer hervorzubringen. Zunächst werden Produktionsanlagen modernisiert, später soll das Land dann zu einer „Industrie-Supermacht“ aufsteigen. Für die meisten internationalen Flüge fehlt der C919 noch die Zulassung. Die braucht der Hersteller aber auch erstmal nicht. Denn allein der riesige Heimatmarkt kann Comac den Weg zu einem neuen Luftfahrt-Giganten ebnen.

Wie eng Chinas staatliche Fluggesellschaften und der ebenfalls staatlichen Flugzeugbauer Comac tatsächlich zusammenarbeiten, recherchierte im Januar die japanische Wirtschaftszeitung Nikkei. Laut der Recherche strichen die drei führenden Airlines Air China, China Southern und China Eastern wegen Corona im vergangenen Jahr vorerst mehr als 100 Bestellungen für neue Maschinen von Boeing und Airbus. Lieferungen des Regionaljets ARJ-21 von Comac gingen dagegen wie geplant über die Bühne. Für die neue C919 liegen nach Angaben von Comac schon rund 800 Bestellungen vor. Doch selbst, wenn Comac auf seinem Heimatmarkt Vorteile genießen wird, müssen  sich weder Airbus noch Boeing derzeit große Sorgen machen. 

Der Bedarf an Flugzeugen ist in China so gewaltig, dass Comac alleine die Nachfrage nicht bewältigen könnte. So geht Boeing in einer neuen Marktanalyse davon aus, dass der chinesische Flugzeugmarkt trotz Corona sogar noch schneller wachsen wird als bislang gedacht. So sagen die Amerikaner vorher, dass China bis zum Jahr 2040 rund 8600 neue Passagier-Flugzeuge benötigen wird. Boeing prognostiziert für die nächsten 20 Jahre einen Bedarf an 6450 neuen Mittelstrecken-Flugzeugen wie der C919. Bei Großraum-Fliegern mit mehreren Gängen wird von 1590 Bestellungen ausgegangen.

 

Großraum-Flieger für 2025 geplant

Auch hier will Comac schon bald mitmischen. Gemeinsam mit dem russischen Luftfahrt-Unternehmen UAC arbeiten die Chinesen an einem Flieger, der 280 Passagieren Platz bietet und eine Reichweite von 12.000 Kilometern haben soll. Der Bau einer ersten Testmaschine soll in diesem Jahr beginnen. Der Marktstart der CR929 ist für das Jahr 2025 geplant. 

Gegenwind könnte den Chinesen bei ihren Plänen aus Washington drohen. Denn neben Tech-Konzernen wie Huawei und Xiaomi ist auch Comac bereits auf den schwarzen Listen der Amerikaner gelandet. Nach den nun geltenden Regeln dürfen keine US-Investoren Geld in Comac stecken, was aber für den chinesischen Staatsbetrieb ohnehin nicht relevant ist. Würde die US-Regierung jedoch ihr Vorgehen verschärfen, könnte Comac ähnlich wie Huawei von internationalen Zulieferern abgeschnitten werden.

 mit mehreren Gängen wird von 1590 Bestellungen ausgegangen.