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1000 Kilometer mit Feststoff-Akku

An der Börse geht die Aktie des Autobauers Nio seit Monaten steil. Und das hat seinen Grund: Haben die Chinesen doch etwas in petto, mit dem bisher kein anderer Hersteller aufwarten kann: ein Luxusauto zum Schnäppchenpreis mit riesiger Reichweite und einigen essenziellen Ideen.

Einer der Elektroautohersteller aus China, der gerne mit Tesla verglichen wird, ist Nio. Das liegt aber nicht nur daran, dass das Unternehmen ähnlich druckvoll seine Fahrzeuge in den Markt drückt. Vorerst nur in den chinesischen, aber der weltweite Verkauf ist geplant und soll durch ein ganz bestimmtes Modell beflügelt werden: den ET7. Die Aussicht auf dieses Auto, das bis zu 1000 Kilometer Reichweite haben soll und zu einem Kampfpreis antreten wird, hat bereits die Aktie von Nio beflügelt. Innerhalb eines Jahres stieg der Wert von 2 Euro auf aktuell 51 Euro. Diese Performance entspricht tatsächlich in etwa der von Tesla in den Anfangsjahren.

Doch es ist nicht nur die Reichweite des kommenden ET7, der die Nio-Aktie so in die Höhe schießen lässt. Es ist auch der Umstand, dass die Chinesen angekündigt haben, dass der Wagen mit Feststoffbatterien ausgestattet ist, die eine Energiedichte von bis zu 360 Wattstunden pro Kilogramm haben sollen. Das wären etwa 40 Prozent mehr, als Tesla im Moment zur Verfügung hat. Hinzu kommt, dass sich der ET7 als Luxuslimousine präsentiert und mit über fünf Metern Länge ganz klar gegen das aktuelle Tesla Model S und den Porsche Taycan anfährt. Dabei verspricht der Chinese mit 0,23 einen fast so guten cW-Wert wie der Porsche, bei dem der Luftwiderstandswert mit 0,22 im Datenblatt vermerkt ist.

 

Mit den Werten eines Sportwagens

Da Nio bis dato nur SUV im Portfolio hatte, verwundert es nicht, dass auch die Luxuslimousine ausschließlich mit Allradantrieb angeboten wird. An der Vorderachse zieht ein 245 PS starker, permanenterregter Elektromotor, von hinten schiebt eine 408 PS starke E-Maschine. Die Systemleistung gibt Nio mit 653 PS an und verspricht ein maximales Drehmoment von 850 Newtonmetern. Das sind die Werte eines Sportwagens. Insofern überrascht auch der Wert für den Standardsprint nicht: In 3,9 Sekunden soll der ET7 Tempo 100 erreicht haben. Auch hier steht die Limousine den Mitbewerbern in nichts nach.

Nun muss man an dieser Stelle aber auch ehrlich sein und bekennen, dass die 1000 Kilometer Reichweite dem Top-Model mit dem größten Akku-Pack vorbehalten sind. Darunter firmieren eine 100-kWh-Version mit 700 Kilometern Reichweite und ein 70 kWh-Akku, der für 500 Kilometer reichen soll. Viel wichtiger ist aber, und das trennt die Spreu vom Weizen, dass Nio die Möglichkeit bieten will, dass die Akkus an bestimmen Wechselstationen in kürzester Zeit getauscht werden können. Dass das technisch bei den Autos von Nio möglich ist, haben die Chinesen schon unter Beweis gestellt. Wie die technische Umsetzung dann aber im alltäglichen Verkehr aussieht, ist noch nicht verkündet worden. Zumal der logistische Aufwand für Platzierung und Bau der Wechselstationen einiges an Zeit und Geld beanspruchen dürfte.

 

Schlichter Luxus im Innenraum

Trotz des Luxus setzt Nio im Innenraum des ET7, wie schon bei seinen SUV, auf eine minimalistische Schlichtheit, die sich nicht nur in dem sehr klaren, fast schon kühlen Design manifestiert, sondern auch in der Wahl der Materialien. So kommen im Flaggschiff Sitzpolster ins Spiel, deren Grundlage auf Rattan basiert. Zudem wurden für das Interieur weitere recyclebare Rohstoffe verwendet. Als ständiger Beifahrer ist das Assistenzsystem Nomi mit an Bord. Um dem Ganzen ein Gesicht zu geben, hat Nio ein Display auf die Mittelkonsole geflanscht, das mit digitalen Augen Nomi personifizieren soll. Der Fahrer selbst steuert alle wesentlichen Funktionen über eine 12,8 Zoll großen Touchscreen. Zum Beispiel auch das erstmals in einem Auto verbaute 7.1.4-Sound-System, das nicht nur für brillanten Klang, sondern auch für die vielfältigsten Einstellungsmöglichkeiten sorgt.

Auch in Sachen Rechnerleistung wartet Nio im ET7 mit neuen Maßstäben auf. Dank der Kooperation mit Nvidia konnte der Orin-Chip verbaut werden. Der wiederum soll den Bordrechner, den Nio auf den Namen Adam getauft hat, in die Lage versetzen, bis zu 1016 Tensor-Operationen pro Sekunde zu schaffen. Auch des Themas autonomes Fahren hat sich Nio angenommen. Der ET7 verfügt je nach Land mindestens über die Stufe Level-3. Also den Standard, den Mercedes gerade als optionales Feature für seine neue S-Klasse angekündigt hat. Um das zu gewährleisten, hat Nio neben einen LIDAR-Sensor elf Videokameras mit einer Auflösung von acht Megapixeln verbaut. Nur zum Vergleich: In einem Tesla haben die Kameras lediglich eine Auflösung von 1,2 Megapixel.

 

Kampfpreis und lukrative Innovationen

Allerdings sind die eben beschriebenen Features nicht in der Grundausstattung eines ET7 enthalten. Um den Kunden aber finanziell nicht zu überfordern, bietet Nio das Aquila genannte Gesamtsystem für eine Monatsmiete von 90 Euro an. Das ist gar nicht so unattraktiv, wenn man bedenkt, dass das Basismodell mit dem 70 kWh-Akku bereits für 56.000 Euro zu bekommen ist. Es geht aber noch preiswerter: Wer das Akku-Paket für 190 Euro im Monat mietet, steigt bereits ab 48.000 Euro in den ET7 ein. Die Premium-Ausführung mit dem 100-kWh-Akku kostet knapp 66.000 Euro.

Welchen Preis Nio für die 150-kWh-Variante und die damit verbundenen 1000 Kilometer Reichweite aufrufen wird, ist noch nicht bekannt. Fakt ist aber, dass Nio beim Kauf eine ET7 eine lebenslange Garantie auf den Batteriewechsel, die Mobilität, den Lade-Service und die Online-Funktionalität. Hinzu kommt eine kostenlose Wallbox für zu Hause. Wie sich am Ende "lebenslang" definiert, kann an dieser Stelle nicht gesagt werden. Aber entsprechend den allgemeinen Standards dürften das mindestens 160.000 Kilometer oder zehn Jahre sein.

Aus betriebswirtschaftlicher Sicht mögen all diese Versprechen wie ein Todesurteil klingen, noch bevor der ET7 2022 zu den Kunden gerollt ist. Dennoch sorgt das in Summe für den schon erwähnten Aktien-Boom an der Börse. Nach zwei sehr schwierigen Jahren strotzt das Unternehmen momentan nämlich vor Zuversicht. Und das nicht zuletzt, weil der ET7 mit einem versprochenen Wechsel-Feststoff-Akku eine klare Kampfansage an die etablierte Konkurrenz ist. Bleibt zu hoffen, dass Nio bis auf Weiteres in der Spur bleibt. Sollte das der Fall sein, dürfte der ET7 ein Bestseller werden und die Aktie der Chinesen in einen wahren Höhenrausch treiben.