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Die deutsche Autoindustrie zerlegt sich selbst

Die Autoindustrie hat sich derart heftig in einen internen Streit verbissen, dass schon über ein Ende des gemeinsamen Verbandes VDA nachgedacht wird. Deutschlands wichtigste Branche stünde dann ohne einheitliche Vertretung da. „Die deutsche Automobilindustrie als Einheit existiert nicht mehr“, sagte ein hoher Automanager der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

Die Interessen der großen Hersteller sind teils derart widersprüchlich, dass in mehreren Konzernen über den Austritt aus dem Branchenverband nachgedacht wird oder Vorstände zumindest die Option diskutieren, die Mitgliedschaft für eine Zeit lang ruhen zu lassen. Was Umweltschützer nicht geschafft haben, könnte so durch interne Konflikte bewirkt werden: Der Verband der Automobilindustrie, von der Öko-Bewegung ein lange gehegtes Feindbild, zerlegt sich selbst.

Schon länger murrt man in den Konzernen über das Erscheinungsbild der Branche, auch die Person des Präsidenten Bernhard Mattes, ehemals Ford-Deutschland-Chef, ist immer wieder umstritten, die Gegensätze reichen jedoch tiefer. Erst hat der Diesel-Skandal, mit Volkswagen als kriminellem Übeltäter, die Branche auseinandergetrieben, dann folgte die Untersuchung wegen Kartellvergehen, wo sich VW und Daimler als Kronzeugen zur Verfügung stellten, was BMW-Chef Harald Krüger wiederum übel aufgestoßen ist.

Obendrein herrscht ein Dissens über die künftigen Antriebsarten. „Ich bin überzeugt, wenn wir jetzt alle Kräfte auf die Leittechnologie Elektromobilität konzentrieren, dann erreichen wir beides: Das Auto wird kurzfristig sauberer und langfristig CO2-frei. Und das Autoland Deutschland wird weltweit führend sein beim Antrieb der Zukunft", sagte VW-Chef Herbert Diess der F.A.Z. VW setzt voll auf das batterie-elektrische Auto.

BMW und Mercedes glauben in dieser Konsequenz nicht daran. Widerspruch kommt auch vom Autozulieferer ZF Friedrichshafen. „Man darf nicht die Strategie eines einzelnen Unternehmens mit der gesamten Branche gleichsetzen", sagte dessen Chef Wolf-Henning Scheider, dem "Tagesspiegel".

Die brodelnde Unzufriedenheit scheint sich jetzt zu entladen, die Gegensätze treten offen zutage, von anstehenden Krisengesprächen mit dem Verband ist in der VW-Zentrale die Rede. Der Wolfsburger Konzern hat schon mit dem Austritt aus dem VDA gedroht, worüber die „Welt am Sonntag“ als erstes berichtet hatte. VW, als weltgrößter Hersteller ein gewichtiges Mitglied des Verbandes, fühlt sich nicht angemessen vertreten. Außerdem bemängelt Diess offenbar, dass die Lobbytruppe nicht entschlossen genug auftrete im „Kulturkampf gegen das Auto“.

 

Die IAA ist bedroht

Der VDA wiederum hat BMW und Mercedes mehrfach aufgefordert, etwas wegen der Themen Diesel und Thermofenster zu unternehmen. Die beiden Premiumhersteller aus dem Süden wollten oder konnten nicht, weil sie entweder nicht in den Strudel von VW geraten wollten oder aus juristischen Gründen wegen Anschuldigungen gegen sie selbst nicht durften.

Der Haussegen im VDA hängt jedenfalls schief. Jetzt kommt noch der Krach um die Brennstoffzelle hinzu, welche der VDA promoten will, VW aber nicht. Hintergrund: Daimler-Chef Dieter Zetsche hat den „GLC Fuel Cell“ marktfähig entwickelt, der VW-Konzern hat nichts.

Fällt der Autoverband auseinander, dürfte das auch das Ende der IAA bedeuten. Die Messe wird vom VDA ausgerichtet, sie ist zudem dessen hauptsächliche Einnahmequelle. Die großen Hersteller finden ohnehin, dass die IAA zu teuer geworden ist. Sie investieren dort jeweils enorme Summen, die Rede ist von bis zu 20 oder 30 Millionen Euro. Solche Budgets werden sich nicht mehr halten lassen, wenn die Industrie sparen muss, weil die Wirtschaft nachlässt und gleichzeitig immer höhere Ausgaben für Forschung und Entwicklung anfallen.

Der Verband versucht derweil die Wogen zu glätten: „Es ist verständlich, dass in dieser nicht einfachen Lage die Erwartungen an den Verband hoch sind“, erklärte der VDA am Samstag gegenüber FAZ.NET. Man wisse, dass der Wunsch nach einer gemeinsamen Branchenstimme bei den Mitgliedsunternehmen wachse. Dass es in einem so großen Verband, der miteinander im Wettbewerb stehende Mitglieder vertrete, nicht immer ohne Reibung gehe sei immer so gewesen und „werde auch in Zukunft sicherlich immer wieder so sein“.

Jedes Unternehmen habe seine eigenen Prioritäten und Strategie. Derzeit liegt das Hauptaugenmerk auf der Elektrifizierung, wofür passende, impulsgebende Rahmenbedingungen benötigt würden. Andere Antriebs- und Kraftstoffalternativen blieben aber im Blickfeld. In den kommenden Tagen wollen sich Vertreter von VW und VDA zu klärenden Gesprächen treffen.