Mobiles Bezahlen: Alipay folgt der Chinesen-Karawane

„Der chinesische Tourist ist unser Kunde, wir folgen ihm“, sagt der Europa-Chef des chinesischen Bezahldienstes Alipay im Gespräch mit der F.A.Z. – und erklärt, was das bedeutet.

Sie fliegen von München nach Helsinki, um sich nordwärts auf die Suche nach dem Weihnachtsmann zu machen, schauen sich das Märchenschloss in Neuschwanstein an und essen Suppe auf dem Münchner Viktualienmarkt. Im vergangenen Jahr sind allein 1,6 Millionen Chinesen nach Deutschland gereist. Mit einem Anstieg von 7 Prozent gibt es kaum eine Reisegruppe, die stärker wächst. Und die mobile Bezahlplattform Alipay will immer dabei sein, wohin es die Karawane aus dem Reich der Mitte gen Westen, Osten, Norden und Süden auch ziehen mag.

„Der chinesische Tourist ist unser Kunde, wir folgen ihm“, sagt Alipay-Europa-Chef Robert Palmer. Er bläst zur Offensive in Europa. Damit keine Missverständnisse entstehen: Der zum Online-Handelskonzern Alibaba gehörende Zahlungsanbieter zieht hinterher; er will nicht die europäische Bankenszene aufrollen und zum Konkurrenten werden.

Angesichts der Flut von gutsituierten, konsum- und reisebegierigen Chinesen will der virtuelle Dienstleister jedoch Duty-Free-Geschäften am Flughafen, dem Einzelhandel, Restaurants und Hotels Zugang zur zahlungskräftigen Klientel verschaffen. Vor vier Jahren nach Europa gekommen, befindet sich das System nach wie vor im Aufbau; in der „Roll-out-Phase“, wie Palmer sagt. Im Land der 1,4 Milliarden Einwohner ist Alipay ein stark expandierender, aber etablierter Finanzkonzern.

„Lieber im schweren Koffer nach Hause“

Wenn zwei Chinesen im Drogeriemarkt Rossmann mit einem Einkaufskorb bis oben hin gefüllt mit Zahnpasta-Tuben zu Kasse gehen, ist das die von Palmer erhoffte Idealwelt. Es müssen nicht nur teure Düfte, edler Schmuck, wuchtige Uhren oder technische Gimmicks westlicher Provenienz sein, die über Alipay abgerechnet werden. Die Touristen suchten nach Marken und Qualität, und das zu günstigen Preisen. Da bietet Alipay als einen Teil seines Services auch Gutscheine und Rabatte an.

So vermutet Palmer hinter dem von ihm beobachteten exzessiven Einkauf eine Promotion. „Viele westliche Marken gibt es auch in China“, sagt er. „Doch kaufen die chinesischen Touristen die Produkte lieber im Ausland und schleppen schwere Koffer nach Hause.“ Es sei ein Einkaufserlebnis und günstiger noch dazu.

Der Niederländer Palmer, seit Juli Europa-Chef, forciert die Partnerschaften mit Einzelhändlern, Restaurants und Hotels. Allein in Deutschland gibt es mehr als 3000 stationäre Händler, mit denen die Chinesen zusammenarbeiten; Tendenz stark steigend. Verhandlungen mit großen Einzelhandelsketten oder mit Kaufhäusern laufen. Die Zahl der Verkaufsstellen dürfte bald ein Mehrfaches sein.

Sie stellen Paypal in den Schatten

Alles, was die mehr als 700 Millionen Nutzer (2017 waren es noch 450 Millionen) in China nutzen können, soll ihnen auch im Ausland geboten werden. Die App versteht sich ebenso als größte „Lifestyle-Plattform“. Über Zahlungen, Bank-Services, Vermögensverwaltung, Kredite per Smartphone hinaus bietet sie diverse Zusatzleistungen, die von Rabatten und Gutscheinen bis zu Buchungen von Hotels und Taxis reichen, von Gesundheitstipps und dem Vereinbaren von Arztterminen bis hin zu Reiseführern mit Lotsenfunktionen zu Läden sowie Restaurants.

 

Alipay stellt die amerikanische Online-Plattform Paypal in den Schatten, die etwa ein Drittel der Nutzerzahlen hat und im vergangenen Jahr 7,6 Milliarden Transaktionen im Volumen von 451 Milliarden Dollar abwickelte. Alipay buchte 127 Milliarden Aufträge mit 9000 Milliarden Dollar. Nicht Paypal oder Kreditkarten machen Konkurrenz, die Palmer als „gesund“ bezeichnet. Es ist die als „Super-App“ bezeichnete Plattform Wechat (Weixin), die das große chinesische Internetunternehmen Tencent einmal als Chat-Dienst geschaffen hat und zum mobilen Bezahlsystem umgebaut hat. Mit mehr als 800 Millionen Nutzern ist sie größer als Alipay, wobei viele die Dialog-Plattform (Chat) nutzen. Wechat dringt genauso mit Bezahldiensten im Ausland vor.

Und wenn es der Reiseführer über den Münchner Viktualienmarkt ist, der den Gästen auf Chinesisch Leckereien erläutert. Selbst auf dem mehr als 200 Jahre alten Traditionsmarkt gibt es moderne Bezahlsysteme. Alipay funktioniert über das kontaktlose Bezahlen (NFC, Near Field Communication). Sind die Terminals dafür noch nicht vorbereitet, generiert die App auf dem Smartphone einen QR-Code. Mit der Bezahlung verrechnet sie gleich die Erstattung der Mehrwertsteuer. Das erspart das Schlangestehen im „Tax-Refund-Büro“ am Flughafen. Vor allem kann das Gesparte gleich weiter ausgegeben werden.

Jack Ma, der Gründer des Online-Handelsimperiums Alibaba als chinesisches Pendant zu Amazon, hat Alipay 2004 geschaffen – als App-Zahlungssysteme Neuland waren. Ma hat den Bezahldienst von Alibaba in das später von ihm gegründete Fintech-Unternehmen Ant Financial Services eingebracht, eine eigenständige Gesellschaft neben Alibaba. Erst Ende dieses Jahres werden beide gesellschaftsrechtlich verknüpft, wenn sich Alibaba mit 33 Prozent an der „Finanzameise“ beteiligt – im Vorfeld des für 2019 geplanten Börsengangs.

Die Wachstumschancen scheinen grenzenlos zu sein. „In zwei Jahren werden die heutigen Zahlen klein aussehen“, sagt Palmer. Dabei sind sie heute schon beeindruckend. Der Manager greift als Beleg dafür nicht auf Alipay-Daten zurück. Dabei ist der Fundus gewaltig, der über die eigene Plattform genauso rasant wächst und ausgewertet wird – der wahre Schatz neben Einnahmen aus Provisionen. Palmer zitiert lieber allgemein zugängliche Reisestatistiken. Eine immer größer werdende Mittelschicht in China hat die Welt für sich entdeckt. 2017 reisten 131 Millionen Chinesen ins Ausland; im Jahr zuvor waren es „nur“ 100 Millionen.

„Vom größten Produzenten zum größten Konsumenten der Welt“

Bislang liegen die Hauptziele im benachbarten Hongkong und Macao, wohin 40 Millionen Chinesen reisten, gefolgt von Thailand, Japan und Korea. Zunehmend rückt Europa in den Mittelpunkt; mit Frankreich (mehr als 2 Millionen) als derzeit am meisten bevorzugten Ziel, gefolgt von Deutschland, Italien, Russland und Großbritannien. Rund 5,8 Milliarden Euro ließen die Chinesen allein in deutschen Läden, Restaurants und Hotels. Im Durchschnitt gibt der Tourist 3714 Euro während seines Aufenthaltes aus, rund 750 Euro am Tag allein in den Städten Frankfurt, München und Düsseldorf. Das versteht sich ohne Logis, da Hotels meist von zu Hause vorgebucht sind.

Die Mehrheit der Chinesen reist in Gruppen, um vom Marienplatz in München zur ältesten deutschen Universität in Heidelberg, dem Pariser Eiffelturm und der London Bridge zu hasten. Am liebsten sind Palmer die Individualreisenden. Die seien jünger, unabhängig, nehmen sich Zeit – auch für das Einkaufen. Ihre Zahl werde stark wachsen, ist er überzeugt. Für ihn ist klar: „China wandelt sich vom größten Produzenten zum größten Konsumenten der Welt.“